Dauer-Lockdown: Freizeit- und Sportbetriebe im Out

Die Öffnung von Handel, Gastronomie und Hotellerie präsentiert sich in den Medien seit Monaten als Schlagabtausch zwischen Wirtschaft, Tourismusbranche und Bundespolitik. Immer stärker verwundert dabei das große Schweigen über den Dauer-Stillstand und somit auch die prekäre Lage der Freizeit-, Sport- und Eventbranche.

Die Freizeit- und Sportbetriebe umfassen 34 Berufsgruppen, darunter Veranstaltungsbetriebe, Fitnessstudios und -trainer, Tennis- und Kletterhallen, Campingbetreiber, Tanzschulen und Fremdenführer. Die meisten sind seit Monaten coronabedingt geschlossen – und ohne Perspektive für den Neustart, während es von Seiten der Politik nur eine Ansage gibt: „Bitte warten“. Dass zahlreiche Unternehmen längst ums blanke Überleben kämpfen, wird in der Politik und teils auch Medienöffentlichkeit scheinbar unter den Tisch gekehrt. Fitnessstudios sind durch die Schließungen besonders hart getroffen. „20 bis 30 Prozent der Tiroler Fitnessbetriebe sind in existenzbedrohender Lage. Der Mitgliederverlust liegt derzeit bei rund 30 Prozent und wird von Monat zu Monat höher“, erläutert Fachgruppenobmann der Tiroler Freizeit- und Sportbetriebe Georg Giner. Auch sei es wissenschaftlich nicht begründbar, dass in einer Tennishalle oder im Fitnessstudio unter Einhaltung von Sicherheitsmaßnahmen, kontrollierten Eintritten und Abständen eine größere Ansteckungsgefahr gegeben ist, als etwa im Handel, im Friseursalon oder in Skiliften.

Auch die Veranstaltungsbranche ist breit gestreut, von kleinen Events wie Hochzeiten, Jubiläumsfeiern oder Dorffesten, über große Messen und Kongresse sowie Opernhäuser, Theater, Kinos und Festivals bis hin zu internationalen Konzerten und Sportveranstaltungen. „Während andere Bereiche zumindest teilweise aufsperren konnten, befinden wir uns seit einem Jahr in einem Permanent-Lockdown und haben damit die volle wirtschaftliche Breitseite der Pandemie abbekommen“, sagt Wolfgang Suitner als Branchensprecher der Veranstaltungsbetriebe und stellvertretender Obmann der Freizeit- und Sportbetriebe auf Bundesebene. Als „Spitze des Eisberges“ sind diese Betriebe aber auch der Schneepflug für die gesamte Kette an Zulieferern wie Gerüstbauer, Bühnen- und Tontechniker, Cateringunternehmen, Pyrotechniker oder Floristen, die sich in vollkommener Abhängigkeit von der Veranstaltungsbranche befinden.

Die Stimmung in der Branche schwanke nach der überlangen Zwangspause zwischen Verzweiflung und Frustration, so Suitner. Planungssicherheit spielt für die Eventbranche eine besondere Rolle, da die Firmen im Vergleich zu anderen Wirtschaftssektoren ungleich längere Vorlaufzeit haben. Von der Planung bis zur Umsetzung bzw. zum fertigen Produkt „Veranstaltung“ vergehen Monate, bei großen Produktionen beträgt diese bis zu einem Jahr. „Neben der dringend benötigten Perspektive und Planungssicherheit für tausende Betriebe geht es auch um die positive soziale Komponente – durch das Hochfahren der Branche wird den Menschen ermöglicht, nach einer Zeit der Isolation wieder zusammenzukommen, das Miteinander zu genießen und zu erleben“, verweist Suitner auf die Wichtigkeit ehestmöglicher Öffnungsschritte. Besonders schmerzlich wirkt der anhaltende Freizeit-Lockdown angesichts der Tatsache, dass die meisten Veranstalter und Einrichtungen, Fitnessstudios, Tennishallen, Kletterzentren oder Tanzschulen längst ausgefeilte Präventions- und Sicherheitskonzepte entwickelt haben und für das Aufsperren unter strengen Corona-Auflagen mehr als bereit wären. Wie Österreich jetzt sicher öffnen kann und wie sich die dringend nötigen Öffnungsschritte in vielen Branchen aus der Tourismus-, Freizeit-, Kultur-, Reise- und Sportbranche gestalten könnten, erklärten und diskutierten Experten am 25. Februar bei einem hochkarätig besetzten, digitalen Öffnungs-Gipfel der WKÖ. Nachzusehen sind die Gespräche via Videos auf https://schaffenwir.wko.at/live .

Die Eventbranche sowie auch die Freizeit- und Sportbetriebe derart ins Out zu stellen wird von Tag zu Tag unverständlicher, bilden sie doch ein Herzstück unseres Landes und stellen als dritte Säule neben Hotellerie und Gastronomie ein wichtiges Standbein des Gesamtprodukts Tourismus dar. Wie unverzichtbar Messen, Kongresse, Sport- und Kulturveranstaltungen sind, hat der massive Einbruch der Stadthotellerie im letzten Jahr gezeigt. Viele kleinere Betriebe oder Privatzimmervermieter sind in ihrem Angebotsportfolio auf öffentlich nutzbare Freizeit- und Sporteinrichtungen angewiesen. Laut Wolfgang Suitner beträgt die Bruttowertschöpfung der gesamten Branche pro Jahr etwa 13 Mrd. Euro. Die Branche habe vor Corona 250.000 Arbeitsplätze gesichert und für die öffentliche Hand für insgesamt vier Mrd. Euro an Steuern und Abgaben gesorgt. Der vom Staat neu geschaffene, mit 300 Mio. Euro dotierte Schutzschirm sei grundsätzlich ein gutes Instrumentarium zur Absicherung der Veranstalter. „Er sollte aber kein theoretisches Konstrukt bleiben, sondern als effektive Hilfe zur praktischen Anwendung kommen“, so Suitner. Wichtig sei auch, dass man den Schutzschirm sowohl bei der Dotierung als auch beim Kreis der Anspruchsberechtigten (derzeit erst ab 15.000 Euro Umsatz) nochmals verbreitert.

In der öffentlichen Diskussion ausgeklammert scheint auch die bedeutende Funktion, die Freizeit- und Sportbetriebe für das körperliche und psychische Wohl unserer Gesellschaft sowie vor allem unserer Kinder einnehmen. So erklärt der studierte Sportwissenschaftler Suitner, Menschen müssten dringend wieder aus dieser sozialen Isolation geholt werden: „Sport verbindet, führt Menschen zusammen, Sport sorgt für Kommunikation – Im Moment fehlen die positiven Emotionen und Glücksgefühle, die durch den teils schwierigen Alltag dringend notwendig wären – Sport ist gerade jetzt so wichtig wie noch nie, auch als Ventil für die Herausforderungen in beruflicher wie auch familiärer Hinsicht.“ Gemeinsames Trainieren war in den letzten Monaten nicht möglich, nur Einzelsport, was womöglich langfristige Konsequenzen für Vereine, für die Bedeutung des Sports und für unser Sozialveralten nach sich ziehen könnte. Vor allem die Defacto-Aufhebung von Freizeitaktivitäten für Kinder und Jugendliche geht etwa mit dem fehlenden Vermitteln von Werten wie Gemeinschaft, Solidarität und Fairness einher. Und durch die stattgefundene Selektion, indem man im Jahr der Pandemie Spitzensport ermöglicht und Breitensport „abgedreht“ hat, könne es sein, dass in weiterer Folge eine ganze Generation von Spitzensportlern verhindert wurde, so Suitner.

Die Branche drängt auf eine klare Öffnungs-Perspektive. Tests und Impf-Pass könnten ein Ausweg sein. Suitner und Giner betonen, dass Betriebe und Politik grundsätzlich an einem Strang ziehen: „Mit den Öffnungsschritten verfolgen Regierung und Betriebe dasselbe Ziel – die Menschen zum intensiven Testen zu animieren und so das Infektionsgeschehen parallel zu den Impfungen bestmöglich im Auge behalten zu können.“ Mit großem Interesse blickt man daher auf das Versuchsland Vorarlberg, wo es zur Zeit auch für kleinere Veranstaltungen bis 100 Teilnehmer bei entsprechenden Konzepten Öffnungen gibt. Suitner sieht umfassende Tests und dann vor allem den geplanten Impf-Pass als Möglichkeit, zumindest ab Sommer auch wieder Großevents im Freien und in Hallen sicher veranstalten zu können. Bis dahin sollte mit Sicherheitskonzepten schrittweise mehr zugelassen werden, wünscht sich der Branchensprecher. Von Seiten der Bundesregierung habe es dafür vorsichtig positive Signale gegeben.

Was die Sport- und Freizeitbetriebe jetzt brauchen, ist kein weiterer Dauer-Lockdown, stattdessen sichere Öffnungsschritte mit Planungssicherheit, Testmodalitäten müssen bei Öffnung genau feststehen, die Verantwortung und der Nachweis einer Testung liegen beim Besucher, Gewährleistung bundesweit flächendeckender und schnell erreichbarer Testmöglichkeiten, regelmäßige und unentgeltliche Testmöglichkeiten für Mitarbeiter in allen Branchen, Verlängerung von Umsatzersatz sowie stärkere Unterstützungsmaßnahmen seitens der Politik für alle Berufsgruppen der Branche.