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"Vertride" - eine lokale Zeitreise mit dem Mountainbike!

Mitte der 90er Jahre versammelte sich eine Gruppe unerschrockener Fahrer und Fahrerinnen im Großraum Innsbruck, um dem Freeride Mountainbiken ein neues, alpin orientiertes Gesicht zu geben: Christoph Malin, Christian "Picco" Piccolruaz, Matthias "Hias" Rössler, Georg Grogger, Paul Mair, Benni Purner, Willi Hofer, Claudia Hammerle; Marco Avi, Helli Plunser, Ulrich Hoschek oder Reini Fink. Namen waren damals dabei, die noch fast 20 Jahre später in der Szene nachklingen.

Die Vergangenheit.

Freeriding war zu dieser Zeit stark durch kanadische Fahrer mit ihren wilden Sprung-Stunts und Nortshore Abfahrten in den neu entstehenden Bikeparks wie Whistler Mountain geprägt. "Wir wollten dem Drop-Wahnsinn der Kanadier etwas entgegensetzen. Freeriding war für uns zu dieser Zeit viel mehr als Bikeparks, künstlich gebaute Hindernisse oder waghalsige Sprünge von hohen Felsen. Die Berge und ihre Wanderwege waren und sind unsere Heimat", erinnert sich Christoph Malin.

Der Einfachheit halber, und um dem Tun einen entsprechenden Namen zu geben, nannte man sich fortan: "Vertriders". Schnell war das Vertrider Team geboren, organisiert und von Christoph Malin mit Bike Material versorgt. Malin war schon damals Bike Journalist und Filmemacher, mit eigener Website, Auftritten in selbst produzierten Videos und Magazin-Reportagen. Ziel der gemeinsamen Touren, der sogenannten "Vert-Days", waren - neben einer guten Zeit mit Freunden und dem grandiosen Bergerlebnis - Erstbefahrungen steilster und schwierigster Trails im Alpenraum. Inklusive sorgfältiger Tourenplanung, Risikoabschätzung und allem, was dazu gehört. Dieses wertvolle Wissen vermittelten die Bergführer Piccolruaz und Mair dem Team. Die Herausforderung war also, was im Winter durch extreme Schitourengeher schon zwei Generationen vorher erfolgt war, im Sommer mit dem Mountainbike zu versuchen.

Schnell wurde das Revier von Innsbruck aus erweitert: War es zuerst nur der "Lanser Kopf" (die Vertriders gelten als Erfinder des Radtransportes mit der "Igler Bahn") und die typischen, steilen Trails der Nordkette, die den Fahrstil der Vertrider mit dem "Vertride-Move" (dem Umsetzen des Hinterrads in steilen Serpentinen) definierten, so wurden nach den heimischen Berggipfeln schon bald Südtirol, Sizilien, das Singletrail Paradies La Palma und natürlich die Region um den Gardasee bereist und befahren. Ein Glanzstück war 2003/04 die Planung und der Bau des "Nordketten Singletrails" im Auftrag der Nordkettenbahn durch Christian Piccolruaz (im Brotberuf Geologe, Bergführer und Trailbauer), eine der auch heute noch steilsten und anspruchsvollsten Bike Strecken der Welt. Christoph Malin kümmerte sich um die Vermarktung der Strecke und die Organisation der legendären "Openings". Der Nordketten Singletrail erreichte bald in den Magazinen als der "Heilige Gral der Fahrtechnik" Legendenstatus, die "Innsbrucker Schule" war geboren. Die lokale Downhill Szene hatte einen Trail, auf dem sie trainieren und an dem sie wachsen konnte.

In den Pionier-Jahren der Vertrider ebenfalls richtungsweisend: Der "Vertrider Ehrenkodex", der noch heute gültige Empfehlungen für das Verhalten mit dem Rad im Gebirge beinhaltet. "Keine Bremsspuren hinterlassen", "Alpine Gefahren beachten", "Bildung von Hotspots vermeiden" etc.! Das Zusammentreffen mit Wanderern und Bergsteigern verlief aufgrund dessen immer auf Augenhöhe, man respektierte sich gegenseitig am Berg. Legendär auch die "Singletrail Skala", ein Trail-Schwierigkeits-Bewertungs System (mit einer Skala von S0 bis S5), begründet von Willi Hofer- Heute ist diese Skala allgemeingültig bei Tourenbeschreibungen im gesamten Singletrail Biketourismus in Europa.

Christoph Malin blickt zurück: "Wir hatten damals absoluten Exoten Status, am Anfang verstand in der Szene und bei den Magazinen niemand so genau, was wir da wirklich machten - doch die Bilder, die auf den Touren entstanden, strahlten eine neue Faszination aus. Unsere Bikes stundenlang auf steilen Wegen die Berge hochzutragen, um auf ebenso steilen, extremen Wegen abzufahren, das war neu und spannend. Anspruchsvolle Alpintouren mit dem Bike konnte man sich damals nicht vorstellen - denn auch die Bikes waren eigentlich viel zu schwer dafür. Doch durch unsere Medienarbeit und die Team Sponsorings, die ich mit Herstellern aus der Fahrrad Industrie aushandelte, änderte sich das. Wir durften bei der Entwicklung und den Tests neuer, leichterer Einfachbrücken-Federgabeln, Dämpfer, Bremsen und Bike Rahmen mithelfen, die für unseren alpinen Vertride Fahrstil angepasst wurden. Auch wenn dauernd etwas kaputt ging - die Bikes wurden immer stabiler und trotzdem leichter. Das legendäre "Liteville 601" zum Beispiel entwickelten wir mit Jo Klieber für Vertride Alpintouren und den Nordketten Singletrail, wo wir es über viele 10.000 Höhenmeter mehrere Saisonen testeten. Doch es hat sicher über zehn Jahre gedauert, bis das Material so langsam unseren Einsätzen und Anforderungen standhielt, denn lange Zeit waren Freeride Bikes viel zu schwer. Wir entwickelten daraus leichtere Enduros, die einfacher zu tragen und besser zu fahren waren. In den modernen, aktuellen Enduro Bikes ist noch heute viel unserer damaligen Pionierarbeit enthalten."

Wobei der Fokus damals (wie heute auch wieder) neben dem "Downhill-Trial" auch auf dem "Bergauf Trial" lag, also mit dem Bike möglichst technische und steile Passagen aufwärts zu bewältigen. Dieses schwierige Uphillfahren verschwand jedoch durch die (zu) schweren Downhillräder und Freerider zu Beginn des neuen Jahrtausends zwischenzeitlich. War es doch mit Rädern mit rund 17-20 Kilogramm kein Spaß bergauf zu fahren. Also wurden von den Vertriders Schigebiete ausgewählt, in denen es möglich war, das Bike mit der Bahn hinauf zu transportieren. Es wurden Shuttledienste organisiert oder schlicht bergauf geschoben und getragen. Nicht nur bei den Vertriders, sondern fast in der gesamten Mountainbike Industrie, folgten somit 15 Jahre im Zeichen des "Downhill": Bikeparks, Shuttles, Seilbahnen waren die Realität.

Die Gegenwart.

E-Mountainbikes sind allgegenwärtig, und die Entwicklung macht auch im Bereich Enduros nicht halt - genau jenen Bikes, die die Vertride Community im alpinen Bereich populär machte. Christian "Picco" Piccolruaz bezeichnet die ab 2015 folgende Weiterentwicklung moderner E-Mountainbikes in Richtung Enduros daher als einen "Meteoriteneinschlag". Ist es mit diesen neuen Hybrid-Enduros doch plötzlich wieder möglich - so wie in den frühen 1990er Jahren - technisch schwierige Trails bergauf zu fahren.

"Aktuell machen wir eigentlich das gleiche wie früher, wir suchen unsere und die Grenzen der Bikes. Das bei Erstbefahrungen mit den E-Bikes, bergauf und bergab!", so Picco. Gab es früher nur "normale" Mountainbikes mit oder ohne Frontfedergabel und dazu als Kontrast Freerider oder schwere Downhillgeräte, so hat sich der Markt mittlerweile in eine Vielzahl von Spezialbikes diversifiziert. Gerade sportliche Enduro-Bikes haben die letzten Jahre einen regelrechten Boom erlebt. Was auch Christoph Malin bestätigen kann: "In Innsbruck sind geschätzte 10.000 Enduro Biker unterwegs. Das sieht man auch an der enormen Auslastung des Arlzer Alm Trails, der 2017 über 50.000 gezählte Fahrten verzeichnete". Beliebt sind auch die Enduro Strecken am Elfer Lift oder auf der Mutterer Alm. Zunehmend auch lange, schwere Enduro Touren, doch diese dauern oft bis zu acht Stunden oder mehr. "Nicht jeder hat die Zeit dafür. Wir verwenden Hybrid-Enduros, mit zwei 500 Wattstunden Akkus. Somit ist es möglich, große und extreme Touren mit über 3.000 Höhenmetern schneller als früher zu absolvieren. Auch abends geht sich damit eine schnelle Tour aus, die Möglichkeiten sind enorm, der Aktionsradius riesig", grinst Picco.

Christoph Malin ergänzt: "Wir alle haben Familie, Beruf, Kinder. Die Freizeit, die noch fürs Biken und fürs Training bleibt, ist weniger geworden, aber die Lust am alpinen Biken, am Vertriding, ist nach wie vor da. Picco und ich haben die letzten drei Jahre viele unserer Vertride Touren mit E-Enduros probiert und die meisten Touren sind damit absolut möglich, denn nun ist auch vieles bergauf fahrbar. In Summe sind moderne E-Enduros ausgezeichnete "Spaß-Maschinen" und ermöglichen gigantische Touren. Für solche Erlebnisse haben wir früher unter anderem Seilbahnrouten miteinander verknüpft oder wurden geshuttelt. Toll ist, dass man das Auto zu Hause stehen lässt und Shuttles nicht mehr notwendig sind."

"Natürlich war es anfänglich eine Herausforderung, mit dem rund 23 Kilogramm schweren E-Bike Downhill zu fahren. Aber wir haben uns schnell angepasst", so Picco. Immerhin sind die aktuellen Räder mit dicken Reifen (2,5 - 2,8 Zoll), 200 Millimeter Bremsscheiben und rund 16 Zentimeter Federweg ausgestattet. Zusätzlich mit einem Mittelmotor sowie dem Akku, Gewicht, das sich summiert. Der Vorteil liegt aber klar auf der Hand: Strecken, die man früher hinaufschieben musste, können jetzt mit Hybrid-Unterstützung im ersten Gang mit Trial Fahrtechnik bewältigt werden. Dieses intensive Fahrtechnik Training macht viel Spaß und erweitert das Bergerlebnis. Trails Bergauf fahren ist höchst anspruchsvoll, super anstrengend und hervorragendes Training auf vielen Ebenen. Kraft, Koordination, Fahrtechnik und Ausdauer sind gefordert. "Bergauf ist das neue Bergab, ein unglaublicher, sehr ausgewogener Mix, der Fahrer, die gerne Singletrails fahren, glücklich macht", so Christoph Malin.

Die Zukunft?

Während in den letzten Jahren meist ältere Fahrer auf das E-Bike umgestiegen sind, werden künftig wohl vermehrt auch jüngere Biker hinzukommen. "Vor allem Fahrer, die bisher noch nichts mit dem Mountainbike zu tun hatten. Es ist aber grundsätzlich gut, viele Menschen aufs Rad zu bringen, das entlastet das Gesundheitssystem", sieht Picco den Trend positiv.

Rosi Schneider, Geschäftsführerin des Bikepalast Tirol, bestätigt den Boom zum E-Bike: "Seit zwei Jahren verkaufen wir ungebremst E-Bikes. Mittlerweile sind rund 60% aller in unseren drei Tiroler Geschäften verkauften Mountainbikes E-Bikes! Hauptsächlich sind es Hobbybiker mit Hardtails und normalem Federweg. Wir stellen aber auch fest, dass die Käufer deutlich jünger werden. Der Satz "Unter 70 kaufe ich kein E-Bike!" gilt nicht mehr. Ein großer Teil unserer Käufer sind Frauen, teilweise auch mit Kinderanhänger am E-MTB. Auch sportliche Junge, wie beispielsweise eine Gruppe Kletterer, die jetzt mit dem E-Bike die Anreisen in die Klettergebiete absolvieren. Nicht zuletzt wegen des E-Bike Booms sind wir mit dem Bikepalast seit heuer in Tirol mit drei Geschäften vertreten. Wir bieten unseren Kunden damit flächendeckendes Service und sie müssen nicht mehr so weit anreisen wie bisher! Für die Zukunft erwarte ich mir, dass die City- und Trekkingräder mit Elektrounterstützung weiter boomen. Der Weg von und zur Arbeit kann hiermit ohne Schweiß erledigt werden, der Verkehr wird entlastet."

Christoph Malin fasst abschließend zusammen: "Das E-MTB ist die größte Chance, die der Mountainbike Sport je hatte, um in die Öffentlichkeit zu kommen. Denn im Tourismus sind wir im Sommersport mit 4% Anteil immer noch eine Nische. Wir haben bis heute noch keine starke Lobby. Das muss und wird sich durch das E-MTB ändern, denn immer mehr Menschen fahren ein solches und haben kein Verständnis mehr für gesperrte Forstrassen, unfreundliche Jäger oder sonstige Schikanen. Sie fordern maßgeschneiderte touristische Angebote. Der Mountainbike Sport wird von einem Sport für super trainierte Eliten zu einem Breitensport, das tut letztlich auch der Wirtschaft und dem Tourismus gut. Das E-MTB ist ein wichtiger Teil des E-Mobilität Mixes, denn es führt die Menschen sanft daran heran, gerne aufs Auto zu verzichten. Möglicherweise in weiterer Folge dann auch im Alltag. Allerdings wird künftig dadurch auf populären MTB Strecken mehr Verkehr am Berg entstehen, daher wird es hier Lösungsvorschläge und gute Routennetze für die Zukunft brauchen". Etwa parallel zu dem in den letzten Jahren entstandenen Angebot an Downhilltrails eigene Strecken für bergauffahrende Trailbiker oder E-Biker. Wie dem auch sei: Die Vertrider werden auch künftig Impulse setzen, das E-MTB im Gebirge für ihre Trailtouren nutzen und weiterentwickeln. Und in der Szene weiterhin Verantwortung, trailschonende Fahrtechnik und Trail Etikette kommunizieren.


Redakteure: Bernhard Schösser & Christoph Malin
Fotos: Christoph Malin

Christoph Malin

Christian "Picco" Piccolruaz