WSG Tirol

Die WSG Tirol spielt mittlerweile die 7. Saison in der ersten Fußball-Bundesliga. Wie das kleine gallische Dorf verteidigt man sich standhaft Jahr für Jahr gegen den drohenden Abstieg und das mit dem kleinsten Budget der österreichischen Bundesligaclubs. Zum Start der Frühjahrssaison schaute FREIZEIT-TIROL in Wattens in der Geschäftsstelle vorbei und befragte den Geschäftsführer für Wirtschaft Julian Heiss, Manager Stefan Köck und Trainer Philipp Semlic zur aktuellen Situation.

Eines der brennenden Themen der letzten Jahre ist ja die fehlende Heimstätte, da das Gernot-Langes-Stadion in Wattens nicht bundesligatauglich ist. Somit spielt die Profiabteilung der WSG seit dem Aufstieg in Österreichs höchste Liga immer im Tivol-Stadion in Innsbruck, was mit enormen Kosten und finanziellen Abgängen von rund 600.000 Euro pro Saison verbunden ist. Nun gibt es einen neuen Anlauf, das Stadion in Wattens bundesligatauglich zu machen. Julian Heiss weiß mehr: „Die beim ersten Versuch teilweise berechtigten Anrainereinwände konnten mit der Umplanung des Gästesektors in den Südbereich entkräftet werden. Auch die lokale Politik befürwortet das neue Stadion. Wir sprechen von insgesamt rund 7 Millionen Euro Kosten, wobei 4,5 für bauliche Maßnahmen wie Tribünen aufgewendet werden. Der Rest ist für Rasenheizung, Gastro- und Toilettenbereich, Trainingsplätze, VIP-Bereich und Flutlicht gedacht!“ Die offizielle Kapazität wird 5.300 Besucher betragen, wobei man in Wattens davon ausgeht, dass Spitzenspiele gegen die Wiener Großclubs, Red Bull Salzburg oder auch den LASK dann an der Grenze zu „ausverkauft“ sein werden. Das letzte Aufeinandertreffen im Cup in Wattens gegen Rapid bestätigt diese Theorie. Bei „mittleren Gegnern“ erwartet man sich 2.500 bis 3.000 Besucher. Momentan spielt die WSG im Innsbrucker Tivoli vor einer Kulisse von 2.000 bis 4.500 Besuchern, anhängig vom Gegner und natürlich auch der Witterung. Vergleichbare österreichische Vereine wie Altach oder Hartberg spielen im Schnitt vor rund 2.500 bis 3.000 Zusehern, das sei immer auch ein Thema des Einzugsgebietes. Der geplante Umzug in die neue Heimstätte ist für Herbst dieses Jahres oder zum Bundesligastart im Februar 2027 angedacht. Das aktuelle Gesamtbudget der WSG Tirol beträgt 6,8 bis 7 Millionen Euro, wobei damit der gesamte Bereich des Vereins mit allen Mannschaften, die Infrastruktur GmbH und die Profi GmbH bestritten werden müssen.

Die aktuelle Sponsorensituation sieht man mit gemischten Gefühlen: „Als Swarovski als unser Hauptsponsor vor mittlerweile 6 Jahren ausgestiegen ist, dachten wir, wir könnten diese Summe von rund einer Million Euro anderwärtig kompensieren, was sich nach einigen Jahren als Trugschluss herausstellte. Wir schafften es trotzdem jedes Jahr durch Transfererlöse für Spielerabgänge und durch Solidaritätszahlungen der Bundesliga, diese Summe abzufangen. 2025 gelang es unserer Präsidentin Diana Langes mit der chinesischen Firma CATL einen fast identen Sponsor an Land zu ziehen. Nun verfolgen wir seit einem Jahr ein neues Sponsoringkonzept, um im Bereich 10.000 bis 50.000 Euro verstärkt Partner zu finden. Auch hier kommt das neue Stadion ins Spiel: Die Werbewerte unserer Partner sind einfach besser, wenn das Logo auf der LED-Wall erscheint, auf der Tribüne Leute sitzen und das Stadion voll ist. Wir haben momentan rund 60 Sponsoren, die wir jedes Jahr verlängern müssen. Da ist es in der heutigen Zeit mit der wirtschaftlichen Lage schon eine Herausforderung ein „stagnierendes Budget“ zu erhalten. So erhoffen wir uns durch das neue Stadion unsere Manpower hier im administrativen Bereich aber auch bei den Trainern erhöhen zu können, um den Verein nachhaltig weiterzuentwickeln!“, so Julian Heiss.

Sponsor Sky

Der Liga-TV-Übertrager Sky zahlt für die TV-Rechte an der österreichischen Bundesliga aktuell an die WSG Tirol rund 2,2 bis 2,3 Millionen Euro pro Jahr. Ab der kommenden Saison 2026/27 gibt es einen neuen Rechtezyklus, bei dem Sky wesentlich weniger bezahlen wird. Somit wird das TV-Geld, das von der Bundesliga nach einem Verteilungsschlüssel ausbezahlt wird, nur mehr rund 1,7 Millionen für die WSG betragen. Rechnet man diesen Abgang mit den Einsparungen durch das neue Stadion auf: Ein Nullsummenspiel!

Die Fans

Somit muss die Steigerung der Einnahmen zwangsläufig über Fans und Besucher erfolgen. „Interessanterweise haben wir momentan einen Stamm von 50 bis 60 „Hardcore-Fans“ die uns bei Auswärtsspielen begleiten und alle aus Wattens sind. Wenn wir künftig hier in Wattens spielen, werden das 200-300 Leute sein, die beim Spiel Lärm und Stimmung machen. Zusammen mit den Nachwuchsteams und deren Eltern wird das sicher gleich wachsen, ein Selbstläufer, ein eigenes Fanabo und -Aktionen werden dazu beitragen!“, ist sich Heiss sicher.

Spielerwechsel

Alle Jahre wieder stellt sich für die WSG Tirol das Problem, dass erfolgreiche Spieler, gleichzeitig Stützen des Vereins, im Sommer abwandern oder, so sie Leihspieler sind, zu ihren Stammclubs zurückkehren. Besonders vor der laufenden Saison, im Sommer 2025, schien die Situation schwierig. Der Mann, der diese Probleme lösen muss, ist Stefan Köck, seit unglaublichen 13 Jahren Sport-Manager der Wattener. Kürzlich wurden sein und auch der Vertrag des aktuellen Trainers Philipp Semlic verlängert, Hand in Hand wollen die beiden im Gleichschritt den Verein zum nächsten Step bringen.

„Nun, wir wissen ja im Vorhinein, dass wir Spieler haben, die wir nicht halten können. Aktuell Moritz Wels und Benjamin Böckle, die zu ihren Vereinen, Austria und Rapid, zurückkehren werden. Auch Jamie Lawrence wird nicht zu halten sein. Somit haben wir entsprechende Profile, die wir suchen und gehen das rechtzeitig an. Ein entsprechendes Netzwerk zu größeren Clubs und Beratern, das wir uns die letzten Jahre hindurch aufgebaut haben, hilft uns dabei. Trainer Semlic und sein Team sind sehr datenbasiert, sie präsentieren mir ihre Präferenzen. Ich gleiche es mit meinen Daten ab. Am Ende müssen wir schauen, was wirtschaftlich machbar ist, die Wirtschaftlichkeit steht über allem. Wir können und wollen keine Harakiri-Aktionen machen. Wir als WSG Tirol haben uns durch gute Entwicklungen wie beispielsweise mit Giacomo Vrioni oder Nikolai Baden Frederikson und Thomas Sabitzer, die ja zu uns zurückgekehrt sind, einen guten Ruf erarbeitet. Das auch deshalb, da sich die Spieler bei uns in Ruhe entwickeln können. Wir haben hinter jedem Spieler einen Plan, den wir dem Spieler auch mitteilen. Das Wichtigste für mich ist, dass die Jungs bei uns performen und zum wichtigsten Ziel, dem Klassenerhalt, beitragen. Und ich sage es immer wieder: „Erfolg macht sexy!“  Wenn du mit 10 Punkten Abstand Letzter in der Tabelle bist, wirst du deinen Marktwert nicht steigern. Wenn wir aber erfolgreichen und guten Fußball spielen, steigern sich die Transferwerte sehr wohl! Wenn der Spieler gut abliefert, kann er den nächsten Schritt machen, im Idealfall profitieren wir als Verein noch finanziell davon!“, erklärt Manager Stefan Köck die Herangehensweise der WSG Tirol. Cheftrainer Philipp Semlic ergänzt: „Fast alle Spieler bei uns haben irgendeine Vorgeschichte. Wir versuchen Potentiale zu erkennen, wo andere Vereine eventuell drüber sehen. Wir können sie dann mit unserer Art und Weise weiterentwickeln, dass sie über uns ein Sprungbrett finden und den nächsten Karrierestep machen können. Beispielsweise Valentino Müller, der beim LASK keine Rolle gespielt hat und bei uns mittlerweile zum Kapitän herangereift ist.“

Der Mann am Platz – Philipp Semlic

Seit 1,5 Jahren, im Verhältnis zu Sportmanager Stefan Köck oder seinem Vorgänger, Langzeittrainer Thomas Silberberger in Wattener Zeitrechnung quasi ein „Frischgfangter“, ist Trainer Philipp Semlic. Die WSG Tirol ist für Semlic die erste Trainerstation in der höchsten Liga. Zuvor gab es für ihn eine sehr erfolgreiche Trainertätigkeit bei Lafnitz in der 2. Liga, ebenfalls bei St. Pölten. Vorher die Tätigkeit in der Akademie bei Sturm Graz mit der U-18. Der TSV Hartberg ist der eigentliche Stammverein von Semlic. Mit den Hartbergern gelang dem gebürtigen Steirer der Aufstieg von der 3. in die 2. Liga. Einst selbst als Fußballer aktiv, wechselte Semlic bereits mit 26 Jahren auf den Trainersessel. Gleichzeitig studierte er Sportwissenschaften und Sport und Mathematik als Lehramtsstudium und war parallel zur Trainertätigkeit auch in einer Sportmittelschule als Lehrer tätig.

In der laufenden Saison spielen die Wattener einen durchwegs attraktiven Fußball, der sich auch mit Auswärtssiegen bei Red Bull Salzburg oder dem amtierenden Meister Sturm Graz sehen lassen kann. Wie geht Semlic an diese Herausforderung heran?

„Meine Idee von Fußball dreht sich gar nicht so um die Stile wie Positionsfußball oder Pressing-Fußball. Mir geht es darum, mit den vorhandenen Spielern die Wahrscheinlichkeit so hoch wie möglich zu halten, Spiele zu gewinnen und Erfolge zu erzielen. Wir haben nicht das größte Budget, wir haben nicht die besten Voraussetzungen, aber es gibt gewisse Daten. Wenn wir diese erreichen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, Spiele zu gewinnen. Nehmen wir unseren Frühjahrsauftakt, die 1:0 Niederlage in Linz gegen den LASK her: Wir hatten beispielsweise mehr Torschüsse und mehr Spielanteil als die Linzer. Wenn wir nochmals gegen den LASK spielen würden, haben wir die Wahrscheinlichkeit, zu gewinnen. In den letzten eineinhalb Jahren haben wir diese Ausgangssituation, gegen Gegner wie beispielsweise Salzburg zu gewinnen, erhöht. Wo wir früher hofften, nicht zweistellig zu verlieren, können wir aktuell mitspielen. Das hat auch mit dem Spielstil zu tun: Wir wollen die Kontrolle, wir wollen den Ball haben. Nicht nur verteidigen, sondern auch im Offensivfußball versuchen, unsere Möglichkeiten zu nutzen!“, erklärt Philipp Semlic seine Philosophie.

Die österreichische Bundesliga scheint aktuell spannend wie schon lange nicht mehr, es wirkt, als würde die Liga zusammenrücken. Das sieht auch Semlic so: „Es ist nicht so, dass wie früher Salzburg vorneweg marschiert und erst durch die Halbierung der Punkte nach dem Grunddurchgang wieder Spannung erzeugt werden kann. Auch die kleinen Vereine entwickeln sich, nicht nur spielerisch. Blau-Weiß Linz oder Hartberg haben jetzt über 10 Millionen Budget, diese Vereine wachsen auch am Wirtschaftssektor. Da müssen wir als WSG aufpassen und mithalten. Klar, es heißt immer „Geld schießt keine Tore“. Meine Gegenfrage ist, warum zahlt man dann für die Topspieler wie Harry Kane oder Erling Haaland 100 Millionen und mehr?“

Obwohl Semlic in der Winterpause Angebote von namhaften Vereinen hatte, verlängerte er seine Arbeitspapiere bei der WSG Tirol. Ein wichtiger Grund dafür, neben dem Wohlfühlfaktor in Tirol und dem neuen Stadion als Einnahmequelle, ist es, dass genügend Zeit vorhanden ist, etwas zu entwickeln. Semlic schildert aber auch seine eigene Entwicklung: „Vor vier Jahren, als wir mit Lafnitz Wacker Innsbruck geschlagen hatten und Herbstmeister waren, da war ich ein anderer Trainer. Es ging mir, wie es auch die Kultur in unserer Gesellschaft ist, immer um „schneller, weiter, höher“. Jetzt bin ich anders. Für mich ist es wichtig, Freude bei meiner Arbeit zu haben. In einem Verein zu arbeiten, bei dem es eine Handschlagqualität und ein Miteinander gibt. Das habe ich hier in Wattens, darum habe ich verlängert und andere Angebote abgelehnt. Es geht mir nicht nur darum, Spieler zu entwickeln, sondern auch den Verein. Wenn ich einmal nicht mehr hier sein sollte, ist es mit wichtig, dass die Leute sagen „der Philipp Semlic hat etwas weitergebracht!“ So wie die Situation im Unterland aktuell aussieht, wird dieser Wunsch für Philipp Semlic in Erfüllung gehen – wenn er irgendwann bei einem größeren Verein seinen persönlichen „Next Step“ machen wird. Bis dorthin - alles Gute!

Text: Bernhard Schösser

Fotos: WSG Tirol, Bernhard Schösser