Es gibt in unserem schönen Land jede Menge schillernder Persönlichkeiten mit interessanten Geschichten und bunten Ideen. Man findet sie sehr oft und glücklicherweise abseits von Blitzlichtgewitter, Red-Carpet und Seitenblicken. Werner Kräutler, aus Tiroler Sicht ein gebürtiger Hinterarlberger, ist seit Kindertagen ein glühender Tirol-Fan. Er arbeitete als Journalist und Regionalentwickler, dessen Paradeprojekt das „Ötzi-Dorf“ in Umhausen ist. Er gründete vor 10 Jahren die „Schule der Alm“ im Valsertal, beseelt vom Ziel, die heimische Almkultur zu erhalten. Immer wieder taucht Werner Kräutler mit verschiedensten Themen wie Kulturpilgern oder E-Biken auf historischen Wegen nicht nur in den sozialen Medien auf und erfreut seine zahlreichen Leser. FREIZEIT-TIROL stellt den umtriebigen Autor gerne vor.
Werner, weshalb verlegt ein Vorarlberger seinen Lebensmittelpunkt nach Tirol?
Meine Liebe zu Tirol wurde mir zwar nicht in die Wiege gelegt, aber sie wurde schon in frühester Kindheit in mir geweckt. Meine Oma hatte Mitte der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts eine Monatszeitung, ich glaube, sie hieß ‚Österreich‘, abonniert, in der immer wunderbare Tirol-Fotos abgedruckt waren. Ich habe später festgestellt, dass es meist Aufnahmen des berühmten Tiroler Fotografen Defner waren, die mich schon als kleines Kind inspirierten und begeisterten. Die bizarren, blanken Felsen, die Gletscher und vor allem die Bauernhäuser imponierten mir. Das war was ganz anderes als die grünen Hügel Vorarlbergs. Da war’s auch klar, dass ich Jahre später mein Studium in Innsbruck absolvierte und nach einigen Jahren in Vorarlberg und Wien endgültig nach Tirol, in das Land meiner Kindheitsträume ‚auswanderte‘.
Du bist umtriebiger Pensionist, was hast du beruflich gemacht?
Ich war rund 25 Jahre lang Journalist. Aber Hobbys haben mir neue berufliche Möglichkeiten eröffnet. Ich hatte in Vorarlberg 1986 neben meinem Job als Journalist eine Direktvermarktungsorganisation gegründet, die BIO-Produkte von Bergbauern vermittelte, und das zum doppelten Marktpreis. Was als unmöglich betrachtet worden war, gelang mit sehr viel Information über die Arbeit der hart arbeitenden Bergbauernfamilien. Die Bergbauern wurden erstmals fair für ihre Arbeit bezahlt. Der Ötztaler Volkskundler Prof. Hans Haid kannte dieses Projekt und bot mir 1996 einen Job an, dem ich nicht widerstehen konnte: Ich sollte das LEADER-Förderprogramm der EU im Tiroler Ötztal betreuen. Nur allzu gerne schmiss ich meinen Journalistenjob hin. Das ‚Highlight‘ meiner Tätigkeit war sicher meine Idee und der Entwurf für ein Ötzidorf, über den die Bürgermeister des Ötztales nur müde lächelten. Die wollten damals nichts mit einer 5000 Jahre alten Leiche zu tun haben und wollten, dass ich ‚Lifte‘ fördern würde. Naja.
Als mein Bruder mich 2005 geschäftlich benötigte - er ist Textilunternehmer in Thailand - verlegte ich für einige Jahre meinen Lebensmittelpunkt in die Nähe von Bangkok. Was mir damals sehr abgegangen ist, waren die Berge. Also kehrte ich nach Tirol zurück. Nach vier Jahren in einer Werbeagentur - dort lernte ich Social Media intensiv kennen - ging’s ab in die Pension und hin zu meinen Hobbys.
Es scheint, als wärst du in der Pension so richtig durchgestartet?
Sagen wir so: Die zwanzig Jahre als Journalist sind nicht spurlos an mir vorübergegangen. Ich begann in der Pension, Blogs anzulegen und zu schreiben. Auch meine Erfahrungen in der Arbeit mit Bergbauernfamilien konnte ich wiederverwerten: 2016 gründete ich gemeinsam mit Freundinnen die ‚Schule der Alm im Valsertal‘ (https://www.schulederalm.at/). Dies war quasi ein ‚Nebenprodukt‘ meines damaligen Projektes, die Jakobswege in Tirol zu begehen und in einem Blog zu beschreiben. Denn in St. Jodok stieß ich auf eine Tafel, die den Ort als ‚Bergsteigerdorf‘ adelte, ich aber weder hohe Berge noch steile Wände sah. Als ich die Website durchforstete, stieß ich auf eine Alm, die eine ‚Roas mit der Goaß’ anbot. Das erstaunte mich sehr, weshalb ich Helga Hager, die heute noch ‚Helgas Alm’ betreibt, sofort um ein Interview mit meinem damals neuen Blog ‚Tirol isch toll‘ bat. Einige Tage später konnte ich dann die schroffen Berge des Inneren Valsertales um Olperer, Fußstein, Hohe Kirche oder die Schrammacher-Nordwand bewundern, als ich Helgas Alm besuchte.
Welche Probleme es mit sich bringt, eine ‚Melkalm‘ zu betreiben - Helga fertigt einen ganz fantastischen Ziegenkäse - wurde mir damals beim Besuch klar. Da musste ein Bergmahd gemäht und Heu gemacht werden, die Ziegen mussten täglich auf ihre Weidegründe begleitet und zweimal täglich gemolken werden und der Käse entsteht auch nicht von selbst. Helga brauchte dringend Unterstützung. Einige Monate später gründeten wir gemeinsam die ‚Schule der Alm im Valsertal‘, die sich dem Erhalt des uralten Kulturgutes ‚Alm- und Bergmahd‘ widmete. Auch hier war das ‚Wie?‘ entscheidend. Wir boten mehrtägige Kurse an, in denen Frauen und Männer manuelle Almarbeiten erlernen und üben können. Die Übungen finden auf dem Gebiet von Helgas Alm statt: vom Sensenmähen und Heumachen über Schrägzaunbau, Schwenden, Kräuterkunde bis hin zu den Grundbegriffen des Melkens ‚schnuppern‘ die Teilnehmer_innen in das Almleben hinein und bezahlen dafür ein Entgelt. Qualitätstourismus quasi.
Die sichtbaren Erfolge sind sehr erfreulich. Einerseits hat Helga Hager viel Motivation, die Alm ihrer Vorfahren weiter zu betreiben, andererseits sind gleich zwei einstige, vor dem Verwildern stehende Bergmähder durch die Pflege wieder in einem ökologisch wunderbaren Zustand. Hier tummeln sich alle Arten von Insekten, seltene Schmetterlinge und auch Amphibien. In die neuen Lebensräume, ausgelöst durch die wieder geöffneten Wasserwaale mit ihrer Bewässerung, sind auch viele ‚Gewürzpflanzen‘ mit ihrer Blütenpracht wieder eingezogen. Die Wiesen wurden zu einer Art ökologischer ‚Oase‘ in Zeiten, in denen viele Bergwiesen verbuschen und verwalden, was ja ein Todesurteil für die ökologische Vielfalt bedeutet. Kurz und bündig: Ohne Pflege verschwinden auch die blumenübersäten Bergwiesen, die Touristen bleiben dann sicher aus. Wir verspielen dann nicht nur wichtige Einnahmen aus dem Tourismus, sondern auch unser kulturelles Erbe.
Du hast von einem Projekt ‚Jakobsweg‘ gesprochen.
Ja, mein ‚Projekt Jakobsweg‘ hat sich zu einer wahren, geistigen Sehnsucht entwickelt. Begonnen hatte es im Jahr 2000 mit Paulo Coelhos Buch ‚Auf dem Jakobsweg‘. Nachdem ich es auf einer Zugfahrt von Wien nach Tirol ausgelesen hatte, buchte ich am darauffolgenden Tag den Flug nach Barcelona. Ich startete den Camino Francès in Roncesvalles und konnte es kaum glauben, gut drei Wochen später die rund 800 km zu Fuß hinter mich gebracht zu haben. Seither habe ich rund 10.000 km als Kulturpilger zu Fuß auf verschiedensten Jakobswegen zurückgelegt. Ich habe mich immer wieder gefragt, weshalb ich diese Sehnsucht permanent verspüre. Viele meiner Freunde ‚leiden‘ am selben Syndrom, nämlich immer wieder auf die Fußreise gehen zu ‚müssen‘.
Einen entscheidenden Hinweis habe ich dem großen geistigen Lehrer des Mittelalters, der ‚Meister Eckhart‘ genannt wird, zu verdanken. Der Meister hat schon vor rund 800 Jahren drei Gedanken ins Zentrum dessen gestellt, was er mit ‚Gottsuche‘ umschrieben hat: Nicht über äußere Leistungen führt dieser Weg, sondern über innere Veränderung. Das Loslassen materieller Wünsche, das Leben im gegenwärtigen Moment und die Hinwendung zum Mitmenschen kennzeichnet diesen Weg. Er drückt es radikal aus: „Der Mensch soll so arm sein, dass er nichts will und nichts weiß und nichts hat.“ Wer nichts erzwingen will, wer sich nicht an Besitz klammert und wer nicht ständig urteilt, wird frei für etwas anderes.
Genau das erleben Pilgersleute, wenn sie sich auf den Weg zu einem Ziel machen, das nicht materiell oder gar in Geldwerten ausgedrückt werden kann. Viele berichten, dass sie nach einigen Tagen ein Gefühl von Zeitlosigkeit erleben. Stunden verlieren ihre Bedeutung. Der Moment tritt in den Vordergrund. Diese Konzentration auf das Jetzt hat eine befreiende Wirkung. Gedanken beruhigen sich. Sorgen verlieren ihre Schärfe. Die Aufmerksamkeit wird klarer. Alle sind mit allen per Du, Konkurrenzdenken oder Sozialstatus sind Pilgersleuten fremd, gegenseitige Hilfe in allen Lebenslagen wird plötzlich selbstverständlich. Pilgersleute leben für eine kurze Zeit eigentlich die drei Grundsätze der französischen Revolution: Egalité, Fraternité, Liberté. Das ist unglaublich selten in unserer materiellen, egozentrischen Welt. Aber genau hier beginnt die Sehnsucht nach der Freiheit als Pilger.
Um auch in anderen Menschen die Lust zu wecken, diese Erfahrungen machen zu können, habe ich drei Pilgerstrecken im Internet beschrieben: den Tiroler Jakobsweg (https://tirolerjakobsweg.wordpress.com/), die Via Tolosana (https://wordpress.com/home/wernerkraeutlerblog.wordpress.com) und die Via Arverna in Frankreich (https://wordpress.com/home/viaarverna.wordpress.com). Jeweils mit Tipps, Etappenschilderungen, Fotos und Herbergsmöglichkeiten.
À propos Blogs: du betreibst ja auch noch den Blog ‚Tirol isch toll‘. Weshalb tut man sich das an, ohne Bezahlung über Wandertouren, BIO-Höfe oder Tiroler Geschichte zu schreiben?
Der Untertitel meines Blogs lautet „Gute Nachrichten aus Tirol“ (https://tirolischtoll.wpcomstaging.com/). Schlechte Nachrichten gibt’s ja in Hülle und Fülle. Sicher, ein Blog ist immer mit viel Aufwand verbunden, das stimmt. Als ehemaliger Journalist fällt mir das Schreiben nicht wirklich schwer, also weshalb soll ich das nicht nützen. Ich wollte vor allem über meine Projekte wie die Schule der Alm und Tiroler BIO-Bergbauern schreiben. Ich hatte ja, wie schon erwähnt, eine Direktvermarktungsorganisation im Ländle gegründet, die gleichzeitig ein BIO-Verband war. Anders gesagt: Ich bin seit 40 Jahren strikter Anhänger jener Bewegung, die auf giftige Pflanzenschutzmittel und künstlichen Dünger verzichtet. Vor allem die BIO-Tierhaltung unterscheidet sich fundamental von der ‚herkömmlichen‘ Haltung.
Seit 40 Jahren weiß ich, dass viele BIO-Bergbauernfamilien weder das Geld noch die Kenntnisse haben, Werbung in eigener Sache zu machen. Sie sind voll und ganz und mit großem Wissen mit der Herstellung wunderbarer Lebensmittel beschäftigt. Ich weiß, wie wichtig es ist, diese Arbeit einem größeren Publikum vorzustellen. Das hat mich bewogen, in meinem Blog BIO-Produkte und Produzenten prominent vorzustellen. Kostenlos, versteht sich, profitiere ich doch davon, ganz wunderbare Einkaufsquellen kennenzulernen. (https://tirolischtoll.wpcomstaging.com/bio-in-tirol/)
Ich stelle im Blog aber auch Wanderungen vor, die außerhalb der massentouristischen Trampelpfade liegen. (https://tirolischtoll.wpcomstaging.com/wandern-in-tirol/) Gerne absolviere ich sie auf historischen Pfaden, wie zum Beispiel von Hintertux nach Steinach am Brenner. Auf dieser zweitägigen Wanderung wurden früher die Toten über das Tuxerjoch, Schmirn, St. Jodok nach Steinach getragen, um sie in geweihter Erde zu bestatten. Ansonsten hätte ihnen nach der damaligen Diktion der Kirche das ewige Fegefeuer gedroht. In einem anderen Blogeintrag schildere ich meine Teilnahme an der ‚Transhumanz‘, dem Schaftrieb von Südtirol über das Niederjoch nach Vent. Auch den kolossalen ‚b’schriebenen Stein‘ des Viggartales habe ich im Zuge einer Recherche erstmals gesehen und aus dieser Neugier heraus seine Umgebung erforscht.
Hat der etwas damit zu tun, dass du demnächst dein zweites Buch veröffentlichen willst, nämlich über Steinkreise und Schalensteine?
Ja, so kann man das sagen. Mein erstes Buch hat die ‚50 Dinge, die ein Tiroler getan haben muss’ vorgestellt. Es ist eigentlich das Buch zu meinem Blog ‚Tirol isch toll‘. Das nächste erscheint demnächst. Denn seit mich Prof. Hans Haid in die Welt der alpinen ‚Mythen‘ eingeführt, mir Schalensteine im Ötztal gezeigt und mir den berühmten ‚Schafkopf-Menhir‘ auf der Kaser in Vent erklärt hat, bin ich stets auf der Suche nach diesen prähistorischen Steinmonumenten in den Tiroler Alpen.
Als ‚Amateurarchäologe‘ stellte ich mir die Frage, wie denn Steinzeitjäger vor nachweislich 11.000 Jahren ins Fotschertal des Sellrain gefunden hatten. Es ist wissenschaftlich belegt, dass sie mehr als 1.000 Jahre hinweg Sommer für Sommer ein Jagdlager bezogen hatten. Ich zählte 1 und 1 zusammen und kam zum Schluss, dass die damaligen Pfade durch urwaldähnliche Gegenden irgendwie gekennzeichnet gewesen sein mussten. Die nächste Frage: Waren Schalensteine, Menhire und Steinkreise die ‚Orientierungsschilder‘ der Vorgeschichte?
Einer dieser prähistorischen Wege der Steinzeitjäger führt - das ist archäologisch belegt - durchs Viggartal, ein Seitental des Nordtiroler Wipptales, und tangiert den b’schriebenen Stein. Und tatsächlich: Schalensteine, Menhire und Steinkreise finden sich ganz in der Nähe dieser uralten Verbindungen.
Meine ersten Blogbeiträge über diesen größten Monolithen des Alpenraumes hatten dann erfreuliche Konsequenzen: inzwischen sind wir eine Gruppe von sechs ‚Citizen-Scientists‘, also Bürger-Forscher_innen, die sich auf die Suche nach den alten Steinmonumenten in Tirol machen. Und das ist durchaus von Erfolg gekrönt. Aus den uns um 2018 bekannten 6 Schalensteinen in der Umgebung von Innsbruck sind rund 100 geworden, die wir gefunden und kartiert haben. Nicht mitgerechnet dutzende von Menhiren - das sind stehende Steine - und viele Steinkreise, von denen einige heute noch in vollem Ausmaß existieren.
Die Frage ist, weshalb wir das machen. Archäologische Neugier ist die eine Seite. Eine andere ist das Lösen des Rätsels, weshalb Menschen vor Tausenden von Jahren halbkugelförmige Löcher in Steinplatten gebohrt haben. Und genau da sind wir zu einem überraschenden, ich möchte sogar sagen sensationellen Ergebnis gelangt. Wir werden es im Buch vorstellen, das vor Weihnachten erscheinen wird.
Unsere Gruppe verbindet eine weitere, für uns sehr wichtige Gemeinsamkeit: Wir wollen mit unseren Forschungsergebnissen den Bergen wieder jenen Respekt verschaffen, der ihnen von unseren Vorfahren vor langer Zeit entgegengebracht worden war. Es kann und darf nicht sein, dass Berge zu Sportgeräten und Cash-Cows degradiert werden.
Du sprichst jetzt indirekt den Tourismus an. Wenn du die aktuelle touristische Situation in Tirol ansiehst: Was ist dein Rat an die Touristiker und Tourismusverantwortlichen?
Der Tourismus steuert in Tirol auf einen Kipppunkt zu. Weiteres Wachstum, vor allem im Winter, wird nicht mehr möglich und von der Bevölkerung schon gar nicht erwünscht sein. Der Klimawandel tut ein Weiteres, er wird zu dramatischen Änderungen führen. Ich fürchte, dass unsere sogenannten ‚Touristiker‘ mit ihrem Latein heute schon am Ende sind. Immer mehr Lifte, Wellness und dergleichen werden uns nicht retten, die gibt’s überall anders auch. Es muss uns in Tirol gelingen, einen ureigenen ‚Tiroler Tourismus‘ zu entwickeln, der auf historisch gewachsenen Gegebenheiten ruht. Als Beispiel kann ich das Ötzi-Dorf nennen. Die Engländer nennen dieses innovative Nachdenken ‚Out-of-the-Box‘-Denken. Nicht in der Kopie anderer liegt unsere Kraft, sondern in der Entwicklung eigener, mit unserer Kultur verbundener touristischer Projekte liegt die Zukunft. Man sollte damit sehr rasch beginnen.
Fotos: Archiv Werner Kräutler, B.Schösser, © Styria Verlag













