Vali Höll – die Downhill-Queen im Portrait

Valentina „Vali“ Höll wird von ihrem kleinen Bruder als „Super-Schwester“ bezeichnet. In der Weltspitze der Downhill Rennfahrerinnen wird „super“ vermutlich der gebräuchliche Terminus für sie sein. Vali Höll gilt trotz ihrer erst 24 Jahre längst als etablierte Größe. Als Dreijährige radelt sie zuhause in Saalbach bereits bergab, ohne Stützräder. Als 13-jährige beginnt sie mit dem professionellen Rennsport und „versägt“ regelmäßig die ältere, auch männliche Konkurrenz. Mittlerweile ist Vali sechsmal Weltmeisterin und viermal Gesamtweltcupsiegerin – more to come! FREIZEIT-TIROL traf die sympathische Ausnahmeathletin in einer Trainingspause zum ausführlichen Interview.

Vali, wie bist du zum Mountainbike-Sport gekommen?

Meine Eltern waren seit jeher begeisterte Hobby-Biker, die zwar nie an Rennen teilnahmen, aber die Passion zum Mountainbike-Fahren hatten. 2004 flogen sie zum Bike-Urlaub nach Kanada. Dort gab es bereits eine tolle Szene mit Bikeparks und allem Drumherum, alles viel mehr ausgebaut als bei uns. Bei uns gab es zu dieser Zeit in Leogang erst einen Trail, sonst hat niemand etwas vom Downhillbiken gewusst. Mein Papa war davon so geflasht, dass er in den Wald unter unserem Almgasthof seinen eigenen Trail hinein baute. Somit habe ich dort angefangen Rad zu fahren. Wir hatten dann zunehmend Profibiker als Gäste auf unserer Hütte, da sich Saalbach und Leogang zu den größten Bikeparks in Österreich entwickelten. Somit war ich früh vom Mountainbike Sport infiziert!

Wie ging es weiter?

Im Winter fuhr ich Skirennen, im Sommer war es schwer, eine andere Sportart zu finden. Entweder du machst Judo oder gehst zum Fußballclub…! Da ich mit meinen Eltern immer mit den Bikes unterwegs war, suchte mein Vater im Internet eine Kinderrennserie und fand den IXS Rookies Cup. Das erste Rennen fand in Deutschland statt, ungefähr 8 Stunden von uns zuhause entfernt. Mein Papa lieh sich ein Wohnmobil aus und wir starteten die Reise. Damals fuhren Burschen und Mädchen in der U-13 und U-15 Klasse gemeinsam. Da mein Vater von den Skirennen her wusste, dass ich extrem ehrgeizig bin, wollte er mich bei der Hinfahrt darauf vorbereiten, dass es mit dem Podium wohl nichts werden würde. Am Renntag habe ich dann alle Burschen verblasen und gewonnen. Da dachte sich mein Vater: „Naja, vielleicht kann sie es gar nicht so schlecht?“. So startete ich bei immer mehr Rennen und irgendwann war ich dann im Weltcup.

Du hast deinen ersten Vertrag mit 13 Jahren bekommen, blickst mit 24 Jahren somit bereits auf 11 Jahre Renngeschichte zurück, davon heuer bereits die 7. Saison in der Elite. 2026 fährst du für ein neues Team.

Ja, stimmt, ich bin mit dem französischen Rennstall Commencal Schwalbe unterwegs. Das ist international gesehen ein vergleichsweise kleines Team. Ich war jetzt lange Zeit bei einem großen Team, aber mir sind die Leute abgegangen, mit denen ich mich wohl fühle. Das neue Team wird von Cécile Ravanel geleitet. Cécile, selbst einst dreifache Enduro-Weltmeisterin, ist meine langjährige persönliche Trainerin. Mir ist das „Surrounding“ extrem wichtig. Die Verträge mit den Sponsoren habe ich ohnehin direkt, somit macht es beim Geld keinen wirklichen Unterschied. Klar, es ist nicht der extreme Luxus, den ich vor drei Jahren schon hatte. Aber mir ist es wichtiger, dass ich mich wohlfühle, als dass ich in einem 4-Sterne Hotel wohne!

Wie sieht dein Weltcup-Rennkalender aus?

Es gibt insgesamt 10 Weltcuprennen. Wir starten Anfang Mai in Südkorea, das Finale ist Anfang Oktober in Lake Placid in den USA.

Wie viele Damen starten bei dir in der Eliteklasse?

Es sind ungefähr 40 Starterinnen. 15 davon fahren dann am Sonntag im Finale. Dafür gibt es zwei Qualifikationsläufe. Wir fahren bei den Rennen auf derselben Strecke wie die Herren. Seit 2025 gibt es eine wichtige Neuerung: Der „Protected Status“ entfällt. Das bedeutete, wenn du im Jahr zuvor im Gesamtweltcup in den Top 5 warst, konntest du immer im Finale starten, auch wenn du in der Qualifikation gestürzt warst. Jetzt ist es wie beim Skifahren: Du musst den „ersten Durchgang“ fahren, also Q1, da kommen die Top 10 weiter. Wenn du da nicht dabei bist, hast du mit Q2 eine weitere Chance, hiervon kommen die fünf Schnellsten weiter. Das war für mich neu, da ich ja bis dorthin automatisch in der „Big-Show“, dem Finale und somit im Fernsehen dabei war. Das macht es aber in der Gesamtwertung spannend, da du ja auch in den Qualis Punkte bekommst. Ich hatte letztes Jahr 6x eine Quali gewonnen und nur einen Weltcupsieg geschafft, doch das sicherte mir am Ende den Gesamtweltcup.

Wie schaut ihr euch die Strecken an, gibt es, wie im Skiweltcup, „Klassiker“, die ihr jedes Jahr fahrt und die somit schon bekannt sind?

Das ist unterschiedlich. Heuer kommt in Korea eine neue Strecke dazu. Am Anfang der Woche gehe ich die Strecke einmal zu Fuß ab, dann kann ich mir schon Details merken. Bei den Trainingsläufen fahre ich mit einer Helmkamera, somit kennst du die Strecke schon auswendig. Jedoch verändert sich die Strecke während dieser Woche brutal durch die vielen Fahrer, die sie quasi „auseinandernehmen“, oder auch durch Regen. Somit muss ich immer mit Instinkt fahren, um reagieren zu können, wenn ein Loch tiefer als erwartet, eine Kurve weggebrochen ist oder Steine drinnen liegen.

Was geht beim Start durch deinen Kopf, ich nehme an, Angst eher nicht?

Ich habe Respekt, ich denke, das muss man haben, um 100 Prozent fokussiert zu sein. Seit zwei Jahren arbeite ich mit einer Sportpsychologin zusammen. Hierbei geht es aber eher um den Alltag, als um die Rennen. Wir alle wissen, wenn dich im Alltag etwas nervt oder belastet, wirkt sich das negativ auf deine Leistung im Rennen aus. Wie ich Rennen fahren muss, das weiß ich schon. 2025 hatte ich das erste Mal ein wenig Angst vor Verletzungen, das kannte ich vorher so nicht. Ich merkte, dass ich irgendwie „die Handbremse angezogen“ hatte, daher haben wir hier viel Arbeit investiert. Es gilt so zu trainieren, dass es mich nicht schmeißt. Oder wenn es mich schmeißt, dass ich mir nicht weh tue! Im Gegensatz zum Skifahren haben wir keinen Schnee, der uns abfängt und den Sturz mildert.

Aktuell steckst du ja in der Vorbereitung zur neuen Rennsaison 2026. Wie sieht das Training von Vali Höll aus?

Momentan (Ende Jänner) bin ich sehr viel im Fitnessstudio beim Krafttraining. Maximalkraft ist das Thema, gleich wie bei den Skifahrern. Vielleicht noch ein wenig mehr Oberkörper als bei den Skifahrern, da wir ja den Lenker festhalten müssen. Dazu kommt viel Training auf der Rolle, Grundlagen- und Intervalltraining. Ich bin eine der Fahrerinnen, die im Winter am wenigsten mit dem Downhillrad fährt, da ich gerne mal eine Pause vom Rad mache. Ich kann es mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, das ganze Jahr, jede Woche, auf dem Rad zu sitzen. So bin ich auch letzten Dezember keinen einzigen Trail gefahren, bis jetzt hat das immer ganz gut funktioniert…(lacht).

Stimmt, du hast ja mit deinem jungen Alter bereits eine beeindruckende Serie: 6x Weltmeisterin, 4x Gesamtweltcupsiegerin. Hat es so etwas überhaupt schon mal gegeben?

Doch, ja, die Französin Anne-Caroline Chausson in den 1990er Jahren. Damals waren alle am Samstag noch auf der Party und sind dann am Sonntag am Start gestanden.

Wie überall hat sich auch im Mountainbike Sport die Szene extrem professionalisiert.

Ja, Wahnsinn. Mittlerweile ist alles elektronisch. Wir haben einen halben Computer am Rad, verschiedenste Knöpfe, Bluetooth…Ohne auf die Details eingehen zu wollen, es geht hier sehr viel um die mechanischen Dinge wie Dämpfung oder Schaltung. Der Puls ist bei uns weniger das Thema, da wir ohnehin mit Vollgas fahren.

Was kostet so eine Rennmaschine, wie du sie fährst, ist das eine Spezialanfertigung?

Jetzt, bei meinem neuen Team ist es eine Spezialanfertigung. Der Rahmen ist extra für mich gemacht, da ich genau zwischen zwei normalen Rahmengrößen bin. Die letzten zwei Jahre bin ich ein Bike gefahren, das du so kaufen konntest. Natürlich sind Gabel und Dämpfer immer getunt, auf mein Gewicht und auf meinen Fahrstil eingestellt, da hier jeder andere Vorlieben hat. Mein Bike kostet, so wie es für mich hergerichtet ist, zwischen 11.000 und 12.000 Euro.

Fährst du immer mit dem gleichen Rad?

Meistens habe ich ein Racebike und ein Trainingsbike, die ident sind. Während der Saison werden die Rahmen 2–3-mal ausgewechselt, natürlich auch die Suspension. Bei mir zuhause stehen so 10 bis 12 Räder verschiedenster Art von Rennrad, Endurobike bis hin zum E-Bike herum.

Du lebst mit deiner Partnerin, der sehr erfolgreichen Schweizer Freestyle-Skierin Mathilde Gremaud (u.a. Olympia Gold in Mailand/Cortina 2026 und Peking 2022 im Slopestyle) in Innsbruck. Wie kann man sich dieses Zusammenleben zweier so erfolgreicher Sportpersönlichkeiten vorstellen, abgesehen davon, dass ihr vermutlich ein eigenes Sport-Trophäen-Zimmer benötigen werdet?

Es ist für uns beide extrem gut, dass wir das ganze Jahr nicht nur in unserer „Bike- oder Ski-Bubble“ sind. Wichtig ist es, auch einmal andere Leute zu treffen oder andere Konversationen zu haben. Und es ist toll, eine Partnerin zu haben, mit der man über die Probleme reden kann. Klar, das kannst du mit deinen Eltern auch, aber wenn du selber Athletin bist, verstehst du die Probleme, beispielsweise den Druck, den du dir selber aufbaust, viel besser. Logisch, bei den aktuellen Weltgeschehnissen darf ohnehin niemand jammern. Aber wenn du halt immer 110 Prozent abliefern willst, steht man sich selbst oft ein wenig im Weg. Da hilft es extrem, wenn man sich austauschen kann. Wir schauen uns gegenseitig bei den Wettkämpfen zu und trainieren auch zusammen, da Mathilde gerne bikt und ich Skifahren sowieso mag.

Wie siehst du die Bike-Situation in und um Innsbruck?

Ausbaufähig! Es gibt viele coole Trails, leider nicht alle offiziell und legal. Und auch wenn du auf einem offiziellen Trail, wie auf der Arzler Alm fährst, wirst du immer von irgendjemandem blöd angeredet. Auch auf der Forststraße, wo man ja offiziell fahren darf. Man merkt einfach ein wenig die Anspannung zwischen den Innsbruckern und den Radfahrern. Klar, es gibt wie in allen Sportarten auch bei den Bikern rücksichtslose Idioten, aber insgesamt ist das schade.

Wie ist die Community in Innsbruck?

Innsbruck ist extrem sportbegeistert mit einer enormen Anzahl an Radfahrern – das ist wirklich cool. Und es sind jede Menge Profisportler verschiedenster Sportarten hier, die in Innsbruck ihre Base aufbauen. Wenn du dann mit denen zusammen etwas machen kannst, ist das sehr lässig und jeder ist begeistert!

Stichwort „Performance Camp“

Das ist mein persönliches Kids Trainingslager für Mädels, das ich bereits zwei Mal organisiert habe. Letztes Jahr waren 6 Mädels, aus Neuseeland, Australien, Norwegen, USA, Großbritannien und Deutschland dabei, richtig crazy! Die Mädels sind zwischen 14 und 18 Jahre alt, trainiert wird drei Tage lang bei mir zuhause in Saalbach. Es sind angehende Rennfahrerinnen, alles ist kostenfrei und wird mit Goodies meiner Sponsoren zusätzlich unterstützt. Zwei der Mädels vom ersten Camp fahren bereits im Juniorenweltcup, wobei Rosa Zierl aus Innsbruck auch Juniorenweltmeisterin wurde – „the next big thing“ würde ich mal sagen!

Text: Bernhard Schösser

Fotos: © Monica Gasbichler, © Archiv Höll, © Bernhard Schösser