Interview mit Markus Koschuh

Markus Koschuh, Kabarettist, Poetry Slammer, Moderator und Schriftsteller aus Innsbruck wirkt und werkt im gesamten deutschen Sprachraum. Der zweifache Österreichische Poetry-Slam-Meister und Vizeeuropameister im Poetry Slam zeigt sich gerne schonungslos kritisch, wie etwa im Programm „Agrargemein“ (2012) oder in seinem Tourismusprogramm „Hochsaison. Der Letzte macht das Licht aus“. Seine aktuelle Videoreihe mit und über den Tiroler Landeshauptmann schlägt im Netz ein wie eine Bombe. FREIZEIT-TIROL stellt den umtriebigen Künstler im ausführlichen Interview vor.

Markus, wie war dein Einstieg ins Geschäft?
Ganz ehrlich: Der Einstieg war hart. Die Welt und besonders Tirol wartet ja nicht auf einen der sagt, er will ab sofort Kabarett machen. Ab dem Aufreger-Programm „Agrargemein“ im Jahr 2012 fingen die Säle aber an, voll zu sein. Und das ist es ja, was man erreichen will als Kabarettist: Gesehen und gehört zu werden.


Bekannt wurdest du mit dem Programm „Agrargemein“, erzähle uns ein wenig darüber.
Puh, wo fange ich da an: Vielleicht damit, dass mir einige abgeraten haben, das Thema „Gemeindeguts- Agrargemeinschaften“ auf eine Kabarettbühne zu holen. Es sei „zu kompliziert“. Dabei ist es gar nicht so kompliziert: Die ÖVP hat jahrzehntelang Gemeindegrund, der uns allen gehören sollte, an einige Auserwählte übertragen (lassen). Allermeistens an Personen mit ÖVP-Bauernbund-Hintergrund. Ein Beispiel: In Ischgl hat über Nacht der Grund, auf dem der Gemeinde-Kindergarten war, nicht mehr der Gemeinde gehört, sondern der örtlichen Agrargemeinschaft. Wohl auch deshalb sind in Ischgl ehemalige Bauernfamilien heute Seilbahnerfamilien. Diese Übertragungen von Abermillionen an Quadratmetern quer über ganz Tirol passierte im tiefschwarzen Tirol der 60er, 70er. Dagegen aufzubegehren, glich einem sozialen und beruflichen Selbstmord. Ein Landesbeamter hat nach Jahrzehnten des Mitspielens den Mumm gehabt, diese unfassbaren Machenschaften aufzudecken: Josef Guggenberger. Ich habe das Alles nur mit Witz auf Verständlichkeit übersetzt und zum ersten Mal war das Thema allgemein verständlich.


Dann folgte „Hochsaison“, ein Programm mit touristischem Schwerpunkt…!
Ganz genau. Und nach „Agrargemein“ hatte ich wieder die Frechheit besessen, mit dem kabarettistischen Finger tief in einer Tiroler Wunde zu bohren. Tourismus ist in Tirol wichtig, keine Frage. Das Wie muss man aber schon hinterfragen dürfen. Und dass Vieles, das eigentlich nimmer lustig ist, witzig verpackt werden kann, zeigte der Erfolg von „Hochsaison“.

Damit hast du dir, zumindest in der schwarzen Reichshälfte, nicht nur Freunde gemacht, was hattest du hier für Erlebnisse?
Nachdem ich für meine Programme immer gut recherchiere, hat mich manche Klagsandrohung kalt gelassen. Was mich schon eher beschäftigt, sind Auftrittsabsagen aufgrund von Interventionen der Politik. In der Weißwurscht- Party-Hochburg Going etwa war ein Auftritt mit „Hochsaison“ lange fixiert ehe der Bürgermeister intervenierte und den Gig cancelte. Weil er es sich mit dem offiziellen Land Tirol nicht verscherzen wollte. Da hat er aber nicht mit der Solidarität in der Kulturszene gerechnet: Hannes Hofinger von der Sankt Johanner Mediathek und Hans Oberlechner von der Alten Gerberei organisierten flugs einen Ersatztermin in der Alten Gerberei – Dank der tollen PR des Bürgermeisters ein Auftritt vor vollster Hütte. Ätschibätsch.


Bist du auch abseits der Kabarettbühnen aktiv?
Ja, natürlich. Seit bald 20 Jahren gebe ich über den Tiroler Kulturservice der Bildungsdirektion an Schulen Schreib- und Kreativworkshops oder sorge mit einer spaßigen Lesung für Abwechslung im Schulalltag. Und ich moderiere immer wieder und immer öfter, weil es spannend ist zu sehen, dass mit entsprechender guter Vorbereitung, Witz und Spontaneität der Glanz von so mancher Veranstaltung noch ein bisschen aufpoliert werden kann. Und Bücher gibt es von mir auch schon ein paar.


Du arbeitest also in verschiedenen Bereichen mit Wort und Sprache, so gibt es auch eine Bearbeitung von Asterix und Obelix. Wie ist es dazu gekommen?
Nun, der Geschäftsführer der Wagner’schen Buchhandlung in Innsbruck, Markus Renk, hat mich gefragt, ob ich einen Asterix ins Tirolerische übersetzen möchte. Er würde die Schiene zum entsprechenden Verlag legen. In die Fußstapfen eines Felix Mitterer zu treten, der das 1999 schon einmal getan hatte, war eine reizvolle Aufgabe. Auf Basis des Asterix-Bandes „Der Kampf der Häuptlinge“ wurde es „Mander, ´s isch Zeit!“ und ein Kampf Tiroler Unterland gegen Tiroler Oberland. Ein Asterix-Band, bei dem ich viel Tirol reinpacken konnte. Das zu machen waren ein Riesenspaß – genau wie die Asterix-Lesungen, die ich landauf- landab mache.

Sehr, sehr erfolgreich sind deine persönlichen „Jahresrückblicke“…
…die sich über’s Jahr quasi von selbst schreiben. Die große Herausforderung ist dann, Themen, Ereignisse, Persönlichkeiten eines Jahres herauszupicken und in ein dramaturgisches Konzept zu packen. Seit Regisseur Harald Windisch mit an Bord ist, gelingt das immer noch besser – sämtliche Vorstellungen in Innsbruck, Wörgl und Imst rund um den Jahreswechsel waren die letzten Jahre tolle Erfolge. An dieser Stelle mal ein herzliches Danke an das Publikum, das Treibhaus Innsbruck, die Stadtbühne Imst und das Komma Wörgl!


Ich werfe den Namen „Mattle“ in den Ring….
Ich muss ja ehrlich sagen: Ich bin beeindruckt von der Art und Weise, wie Anton Mattle aus dem Stegreif Reden zu Allem halten kann und wie er auf Menschen zugeht: Wenn du ihn an einem Tag drei Mal triffst, schüttelt er dir fünf Mal die Hand. Seine Art zu sprechen ist für einen Kabarettisten ein dankbarer Ansatzpunkt für satirische Überhöhung und so habe ich Ende 2025 das Video- Format „SchachMattle“ gestartet: Jeden Montag nimmt Toni SchachMattle pointiert Aktuelles aufs Korn. Die Zugriffszahlen erstaunen mich selbst am meisten: Da steckt keine Landes-PR-Abteilung mit viel Geld dahinter – und trotzdem haben die Folgen auf YouTube, Instagram oder Facebook oft über 100.000 (!) Views.

Welche aktuellen Themen und Anliegen hat Markus Koschuh?
Zuallererst möchte ich Tom Neumayr und Christoph Riess, ihres Zeichens Licht- und Tontechniker der letzten Jahre, danken. Solokabarett ist in Wahrheit Teamarbeit und es ist schön, sich auf denjenigen an den Knöpfen verlassen zu können. Mein derzeit laufendes Programm „Rette sich, wer kann!“ ist mal was ganz anderes: Ein Erste-Hilfe-Kabarettprogramm. Ich bin ja schon jahrelang ehrenamtlicher Rettungssanitäter und sehe immer wieder, dass es sehr an Erste-Hilfe- Kenntnissen fehlt. Im Ernstfall macht das den Unterschied. Ich habe als Teil meiner Recherche die Ausbildung zum Erste-Hilfe-Lehrbeauftragten gemacht. In toller Kooperation mit dem Roten Kreuz Tirol geht es mit „Rette sich, wer kann!“ derzeit in möglichst viele Gemeindesäle. Es ist ein ziemlich lehrreiches, rasantes und witziges Kabarettprogramm mit echtem Mehrwert geworden und ich kriege so viele positive Publikumsrückmeldungen wie noch nie.
Ich will bei allem beruflichen Erfolg aber meine Familie nicht vergessen. Zusammen mit meiner Frau Kathi gibt es da drei Kinder, für die wir da sein wollen und das ist alles mächtig anstrengend aber macht auch wirklich großen Spaß. Bei uns zuhause ist Leben in der Bude und das gemeinsame Lachen kommt auch nicht zu kurz.
 

Dein Fokus liegt in Tirol, wie sieht es in Restösterreich aus?
Ich war früher sehr viel auf Tour. Auch in Deutschland und der Schweiz. Derzeit trete ich außerhalb Tirols eher tageweise geblockt auf. Ein echtes Tourleben ist nicht familienkompatibel. Die Anfragen für „Rette sich, wer kann!“ kommen derzeit aber nicht nur aus Tirol, sondern aus ganz Österreich. Ich werde mir wohl was überlegen müssen. Aber ich sehe das als Luxusproblem und bin dankbar, dass ich mich nie verbogen habe und trotzdem Erfolg habe.

Text: Bernhard Schösser

Fotos: © Böhm, Schletterer, Huber, Oss, Bullok, Rettenbacher, Rangger, Schösser